« Eine Insel mit zwei Bergen | Home | Patientenakten auf dem Schnäppchenmarkt »
Nackt
von Michael J. Erner | 26. Oktober 2008
Nacktheit in der Öffentlichkeit ist bei bestimmten Anlässen ein Thema für die Polizei und führt mitunter - wie auch bei dieser Meldung der Presse über ungebührliches Verhalten von Rugbyspielern, die sich nach einem Spiel auf der Zugfahrt nach Hause bis auf die Socken entblößten - zu einem Hilferuf an die Ordnungshüter. Dagegen scheint Entblößung am Flughafen aus Gründen der Gefahrenabwehr harmlos und von der Öffentlichkeit toleriert. Die Rede ist von den sog. Nacktscannern. Systeme, mit denen Reisende bis auf die Haut entblößt werden. Diese Technologie ist an verschiedenen Flughäfen bereits im Einsatz und hat auch schon bei meinem Kollegen Peer Reymann am Flughafen Amsterdam zum Hinweis geführt: „Herr Reymann, Sie haben da ein Taschentuch in der Hosentasche!“
Wie der Spiegel berichtet, sind die Reaktionen in Politik und Gesellschaft beachtlich, woraus wiederholt die Frage aufkommt, was alles passieren muss, damit Einzelne sich entsprechend dem Ansatz verhalten, dass doch jeder etwas zu verbergen hat. Der SPD-EU-Parlamentarier Martin Schulz nennt die Nacktscanner einen Verstoß gegen die Menschenwürde, und das EU-Parlament stimmt mit Mehrheit gegen eine weitere Verbreitung dieser Systeme.
Aha. Geneigte Geister könnten jetzt fragen, was sich die EU bei der Gesetzgebung der letzten Jahre gedacht hat. Bei der Flugdatenübermittlung an die USA, der Vorratsdatenspeicherung und ein paar anderen gravierenden Eingriffen in die Persönlichkeitsrechte hat die Menschenwürde offenbar keine Rolle gespielt. Liegt das daran, dass eine Datenbank mit digitalem Profil und Angaben zu möglicherweise höchstpersönlichen Lebensverhältnissen einer Person für einen Parlamentarier nicht vorstellbar ist?
Nackte Haut ist ganz sicher höchstpersönlich. So persönlich, dass vielfliegende EU-Parlamentarier sich plötzlich und unerwartet als Betroffene sehen und verstehen könnten, dass die Rechtfertigung „wer nichts zu verbergen hat, hat auch nicht zu befürchten“ doch nicht so ganz richtig ist. Nun ja. Wenn man das körperliche Erscheinungsbild eines Rugbyspielers hat, braucht man im Vergleich zu einem Parlamentarier Nacktheit möglicherweise nicht scheuen…
Topics: Ausland, Informationsgesellschaft, Informationstechnologie, Politik |
